Die Trommel

 

Mehr als zehn Jahre lang war eine große, schwere, irische Bodhran meine Schamanentrommel. Sie konnte gestimmt werden - was ich aber nie tat, denn ich mochte alle ihre Tonlagen. Wenn es draußen einmal zu feucht war, dann war auch immer irgendwo ein Feuer, um sie in der Hitze ein wenig zu trocknen und zu spannen.


Diese Trommel konnte singen und alles rundherum in Schwingung versetzen. Ihr einziger Nachteil, sie war für mich zu schwer, um sie für längere Zeit frei in der Hand zu halten, was beim Stehen und Gehen notwendig ist. Im Sitzen stützte ich sie auf meinem Schenkel ab, was ihr aber immer etwas von ihrer Klangfülle nahm.


Kurz und gut - vor einigen Wochen kam eine neue, leichtere Trommel zu mir, und ihr Klang berührte sofort etwas in mir. Sie war die erste, die ich mir als Nachfolgerin der Irin vorstellen konnte. Also begann ich mit ihr zu arbeiten. Und nun geschah etwas Seltsames: jedes Mal wenn ich zu Trommeln begann, zog es mich als erstes in das Polarmeer zu der Meeresgöttin Sedna, die ich noch von lange zurückliegenden Reisen kannte.


Ich kämmte Sedna das lange Haar, und sie half mir bei vielen Aufgaben, sowohl für andere, als auch für mich selber. Und sie wollte dafür von mir, dass ich ihre Geschichte erzähle. Hier ist sie:

 


Sedna mit Raben
Sedna mit Raben

 

Sedna

 

Es war einmal eine junge Frau, die lebte glücklich und zufrieden zusammen mit ihren Eltern an einem schönen Wohnplatz nahe dem Meer. Der Vater aber meinte irgendwann, seine Tochter müsse sich allmählich einen Ehemann aussuchen, denn er selber könne nicht auf immer für sie alle jagen gehen. Doch die junge Frau wollte keinen Mann und wies alle Freier ab. Eines Tages kam von weither ein fremder Besucher zu ihnen in schöner, kostbarer Kleidung aber mit verhülltem Haupt. Diesem gab der Vater seine Tochter gegen ihren Willen bei dessen Abreise mit, und das Paar fuhr im Kajak zum Wohnplatz des Mannes. Dort legte dieser seine Kleider und seine Kopfbedeckung ab, und es stellte sich heraus, dass er in Wirklichkeit gar kein Mensch, sondern ein Sturmvogel war.

 

Der Ort war trostlos und lag von Stürmen umtost völlig ungeschützt auf einer Klippe. Jeden Tag zog der Vogel aus zur Jagd und kehrte abends mit Fisch zurück, den die Frau roh essen musste, weil es kein Brennholz gab. Und jeden Tag, wenn der Vogel fort war, weinte die Frau und rief und schrie in den Wind nach ihren Eltern. Eines Tages kam der Vater auch wirklich, um seine Tochter in ihrem neuen Heim zu besuchen. Doch sie klagte und bat so lange, bis der Vater sie in sein Kajak lud und mit ihr heimwärts paddelte.

 

Und als der Ehemann von der Jagd zurückkehrte und seine Frau nicht vorfand, da machte er sich unverzüglich auf die Suche nach ihr. Bald schon hatte er die beiden eingeholt und begann das Boot anzugreifen. Machtvoll schlug er mit seinen Schwingen und peitschte damit die Wogen auf und verursachte einen heftigen Sturm. In großer Furcht um sein Leben warf der Vater seine Tochter über Bord in der Hoffnung, den Schwiegersohn damit zu besänftigen. Sedna klammerte sich vor lauter Angst zu ertrinken an den Rand des Kajaks, doch ihr Vater schlug ihr mit dem Paddel so lange auf die Finger, bis diese zerbrachen und Sedna in die Tiefe des Meeres gezogen wurde.

 

Und während sie immer tiefer sank, da verblasste nach und nach ihre Vergangenheit, in der sie eine verwöhnte Tochter und eine unzufriedene Ehefrau gewesen war. Sie wurde zur Weisen Alten des Meeres und blieb dennoch gleichzeitig für immer jung und verspielt und verführerisch schön. Dort auf dem Grund des Ozeans sitzt Sedna noch heute, und sie ist die Herrin über alles Leben im Meer.

 

Und immer wenn sie über den Verrat ihres Vaters grollt, dann schickt sie gewaltige Stürme, welche die See aufwühlen. Doch wenn Menschen sie besuchen und ihr respektvoll das lange Haar kämmen, dann beruhigt sie sich und schenkt ihnen, was sie zum Leben brauchen.

 

 

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Sedna ist bei den Inuit und den Eskimo die Göttin des Meeres. Rund um den Polarkreis wird ihre Geschichte in vielen Variationen erzählt, auch hat sie verschiedene Namen. Dies hier ist meine Version.

Ein in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends entdeckter Zwergplanet erhielt den Namen Sedna.

 

(Judith im August 2010)

"Die Menschen suchen nicht nach dem Sinn des Lebens, sondern nach dem Gefühl, lebendig zu sein" (Joseph Campbell)

Alle Dinge, die uns materiell entgegentreten, sind nur die äußere Hülle von geistigen Wesenheiten.

(Rudolf Steiner)

Geduld zu haben bedeutet, der Schöpfung zu vertrauen. (Huna)

Da Du schon alles weißt,

mag ich nicht beten –

tief atme ich ein,

lang atme ich aus,

und siehe:

Du lächelst.

H. Heim